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Ziemlich uncool Herr Carrera

Mal wieder stehe ich an der Ampel. Neben mir der Herr Carrera. Wir kennen uns schon, von der Ampel davor und der davor... Ich frage mich, ob sein Verstand zu kurz oder das Auto zu schnell ist, aber an jeder Ampel fährt er mit Vollgas los, um exakt 400m später erneut neben mir zum Stehen zu kommen. 

 

Natürlich spielt er mit dem Gaspedal, will mich mit dem Sound seines Motors beeindrucken, lässt den Wagen vor und zurückrollen, heischt um Aufmerksamkeit. Ich tu ihm nicht den Gefallen und schau absichtlich weg, spiel an meinem Radio, wippe im Takt mit, blicke durch das andere Fenster. 

Ich mache mir nichts aus Angeberkarren. Ihre Daseinsberechtigung erschließt sich mir nicht. Wie ich auf dem Nummernschild erkennen konnte, wohnt er auch in der Stadt, genau wie ich. Eine Stadt, bestehend aus Einbahnstraßen, Baustellen, Fußgänger- und 30-Zonen. 

 

Klar, so ein Auto hat man, um gesehen zu werden! Und um auf der Autobahn den dicken Max zu machen! Fragt sich nur wann? Zwischen Lärmschutzzonen, Baustellen und LKW Rennen. Vermutlich fährt man mit so einem Schlitten absichtlich dann, wenn keiner fährt. Um endlich mal Gas zu geben. Nur um des Fahrens willen. Nicht um von A nach B zu kommen. Was bitteschön ist ein CO2 Fußabdruck? Wer tankt schon E10?

 

Ist es ein Zufall, dass das Hochleistungsbenzin an den Tankstellen V-Power heißt? Mit einem V wie es auf den kleinen blauen Pillen aufgedruckt ist, die den Herren der Schöpfung eine Kraftreserve verspricht? Schmunzelnd über diese Frage blicke ich weiter hinaus auf die Straße. Vor uns überquert eine alte Dame den Fußgängerüberweg. Sie zieht eine abgewetzte Tasche auf Rädern hinter sich her. Eine der alten Menschen, die unser Land nach dem Krieg wieder aufgebaut haben und jetzt nicht mal eine vernünftige Rente bekommen. Vermutlich hat sie soeben beim Discounter an der Kasse ein Netz Zwiebeln zurückgehen lassen müssen, weil ihr 30 Cent auf den Einkauf gefehlt haben. 

 

Neben mir lässt der Herr Carrera erneut den Motor aufheulen, die alte Dame erschrickt. Er will ein Rennen fahren, fordert mich wieder und wieder auf. Kaum springt die Ampel um, prescht er davon. Ich komme nicht mit! 

Ich wende den Wagen und fahre zurück zu der alten Dame. Ich steige aus, trage ihr die Einkäufe nach Hause, höre mir ihre Geschichte an. Sie heißt Anna Kirschenstiel, und wir freuen uns beide darüber, was für ein entzückender Name das ist. Anna besteht auf einer Tasse Kaffee. Er ist dünn, es ist der Monatsletzte, erst am Montag gibt es wieder Geld von der Rentenkasse. Als ich mich verabschiede haben wir Nummern getauscht und wenn ich das nächste Mal einkaufen fahre, dann rufen ich Anna Kirschenstiel an und frage, was ich ihr mitbringen darf.